Projekt Wiesbaden

Merkurist/Wiesbaden vom 23.04.2019

Was Wiesbaden aus der Integration griechischer Gastarbeiter lernen kann

In einem Vortrag im Stadtarchiv will eine Kulturwissenschaftlerin zeigen, wie die Integration der griechischen Gastarbeiter in den 60er-Jahren funktioniert hat und was Wiesbaden daraus lernen kann.

von Michelle Sensel

Wie gut integriert fühlten sich die griechischen Gastarbeiter, die in den 60er-Jahren nach Wiesbaden kamen? Und was kann Wiesbaden daraus für die heutige Integrationsarbeit lernen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Kulturwissenschaftlerin Maike Wöhler und sprach dafür mit vielen Gastarbeitern der ersten Generation. Die Ergebnisse ihrer Studie will sie am Donnerstag im Stadtarchiv vorstellen.

Dabei ging es ihr vor allem darum, zu erfahren, wie es den Gastarbeitern selbst erging und was es für sie brauchte, um sich wirklich in Wiesbaden aufgenommen zu fühlen. Dafür sprach sie mit dem ersten griechischen Dolmetscher, dem ersten griechischen Zahnarzt, mit politischen Vertretern und der griechischen Community in Biebrich. Aber auch deutsche Mitarbeiter der Kalle AG, in deren Werk viele Griechen und Deutsche gemeinsam arbeiteten, kamen zu Wort.

Ihr Vortrag im Stadtarchiv soll zeigen, dass Integration nicht bedeutet, dass Zuwanderer ihre eigene kulturelle Identität aufgeben müssen. Viel mehr sollen die persönlichen Erzählungen der Befragten zeigen, dass Integration nur funktioniert, wenn die Menschen in der Gesellschaft aufgenommen werden und daran teilhaben dürfen. Die Stadt unterstützte Wöhler bei ihrem Forschungsprojekt, das bereits 2018 startete, um daraus selbst Handlungsstrategien für die derzeitige und künftige Integrationsarbeit zu entwickeln.

Der Vortrag „Vom Weggehen und Ankommen. Über die griechische Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert in Wiesbaden“ findet am 25. April um 19 Uhr im Stadtarchiv statt. (ts)

 

 

 

Vortrag zum Thema "Weggehen und Ankommen"

Terminhinweis, Stadtarchiv Wiesbaden


25. April 2019 19.00 Uhr Stadtarchiv Wiesbaden

»Vom Weggehen und Ankommen«
Über die griechische Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert in Wiesbaden

Vortrag von Maike Wöhler

 

Am Beispiel der ersten griechischen Zuwanderer in den 1960er-Jahren im Zuge des deutsch-griechischen Anwerbeabkommens untersuchte die Kulturwissenschaftlerin Maike Wöhler 50 Jahre Migration und Integration in Wiesbaden. Auf Grundlage zahlreicher Befragungen griechischstämmiger Familien der 1. und 2. Generation sowie von Wiesbadener Bürgerinnen und Bürgern, die in den 1960er- und 1970er-Jahren bei Kalle auf die ersten »nicht-deutschen« Kollegen trafen, zeigt der Vortrag, dass gesellschaftliche Integration nicht an eine vollständige Assimilation an die Aufnahmegesellschaft und eine Aufgabe kultureller und nationaler Identität geknüpft ist, sondern vielmehr an individuelle Chancen auf gesellschaftliche und soziale Teilhabe. Im beruflichen Kontext dauerte es fast 10 Jahre, bis ab den 1970er-Jahren nicht mehr von »Gastarbeitern«, sondern von »ausländischen Mitarbeitern« die Rede war. Zu Wort kommen griechische Zuwanderer und Repräsentanten, die in Wiesbaden eine relevante Rolle innehatten: der erste griechische Dolmetscher, der erste griechische Zahnarzt, politische Vertreter, deutsche und griechische Betriebsratsvorsitzende sowie Mitglieder der griechischen Community Biebrich und deutsche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kalle. Die authentischen Schilderungen des Erlebten sowie persönliche Dokumente zeigen, dass die Beschäftigung mit dem sogenannten »Fremden« immer eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur ist und somit eine wichtige gesamtgesellschaftliche Chance bietet.

 

Quelle: Stadtarchiv Wiesaden, Programm 2019, S. 12

 

 

Wiesbadener Kurier, 02.06.2018

Wie die Griechen hier ankamen

Forschungsprojekt Kulturwissenschaftlerin beschäftigt sich mit Integration / Gemeinde hilft

Von Anke Hollingshaus
WIESBADEN. Wer Grieche oder Griechin ist und in Wiesbaden wohnt, könnte demnächst Maike Wöhler kennenlernen. Denn die Kulturwissenschaftlerin beschäftigt sich derzeit mit dem Thema, wie und warum Griechen vor Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, wie sie ihr Leben in den Anfangsjahren gestaltet haben und wie es jetzt aussieht. Etwa 20 Interviews will die in Bremen lebende Frau nach derzeitigem Stand der Dinge führen. Und ihre Ergebnisse dann auch veröffentlichen.

 

Fragen über erste Zeit in Wiesbaden

Migration und Integration gehören auch zum Berufsleben der in Mainz und Wiesbaden aufgewachsenen Wöhler, die in Bremen beim Senat für Soziales beschäftigt ist und unter anderem als Jobcoach und in der Berufsanerkennung arbeitet und auch da viel mit Migranten zu tun hat.

Derzeit allerdings nicht, denn für ihr Projekt hat sie sich für ein Jahr beurlauben lassen. Recherche, Interviews und Aufzeichnungen macht sie selbsttätig, möchte ihre Ergebnisse, gerne in Zusammenarbeit mit der Stadt, später veröffentlichen.

 

Maike Wöhler hat Kontakt zu einer griechischen Großfamilie und knüpft ihr Netz jetzt peu á peu enger. So hilft ihr beispielsweise der Erzpriester Georgios Papassalouros von der griechisch-orthodoxen Gemeinde Heiliger Georgios in Biebrich, weitere Leute kennenzulernen. „Ich war zum Patronatsfest eingeladen und konnte anschließend gleich Gespräche führen“, erzählt die Kulturwissenschaftlerin, der es, wie sie betont wichtig sei, „eine Annäherung von beiden Seiten“ zu schaffen, also nicht selbst mit vorgefertigtem Bild an das Thema heranzugehen.

Neben Papassalouros helfen ein griechischer Lehrer und ein griechischer Zahnarzt, neue Gesprächspartner zu finden, die mit einem standardisierten halb-offenen Fragebogen über ihre erste Zeit

in Wiesbaden über die Gründe, überhaupt zu kommen, über Positives und Negatives der ersten Jahre befragt werden.

Auch mit den Firmen, die schon früh griechische Mitarbeiter beschäftigt haben, möchte Maike Wöhler in Kontakt treten. Kalle in Biebrich, Dyckerhoff in Amöneburg, „die Glyco“, in Schierstein. Das waren wichtige Arbeitgeber. Schon jetzt, nach wenigen Wochen, in denen die Wissenschaftlerin zwischen ihrem regionalen Büro bei ihrem Bruder in Schlangenbad und ihrem Wohnort Bre- men hin und her pendelt, ist ihr klar geworden, wie verschieden die Geschichten sind. Und dass es trotzdem auch Parallelen gibt. Viele der damals angeworbenen Griechen kommen aus dem Norden des Landes. Manche haben vor, im Alter zurückzukehren, andere sagen: „Meine Heimat ist dort, wo meine Familie lebt und die lebt in Wiesbaden. Also bleibe ich auch hier."

Auch jüngere Griechen berichteten ihr, „dass die griechische Schule“ und der muttersprachliche Unterricht, heute angesiedelt in der Kirchengemeinde in Biebrich, früher in der Pestalozzischule in der Gibb, für sie sehr wichtig sei.

Maike Wöhler sagt, sie habe bisher viel Unterstützung in Wiesbaden erfahren. Seitens der Griechen, die hier wohnen, aber auch seitens der Stadt. Zum Beispiel im Integrationsamt und im Stadtarchiv. Um sich nicht nur in Gesprächen, sondern auch anderweitig ein realistisches Bild von den „frühen Jahren“ der griechischen Migration in Wiesbaden zu machen, ist Maike Wöhler noch an Erinnerungsstücken interessiert. „Es wäre toll, eine erste Postkarte zu bekommen, die jemand von Wiesbaden nach Griechenland geschrieben hat. Oder die Bahnfahrkarte nach Deutschland“, nennt sie als Beispiele.

 

Wer noch Informationen hat, kann sich unter maike-woehler@t-online.de per E-Mail an die Kulturwissenschaftlerin wenden.

Infos über das Projekt gibt es auch auf der Webseite www.maike-woehler.de.

Verlinkungen:

Download
Pressebericht im Original
Wiesbadener Kurier_Wie die Griechen hier
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Aufnahme des Projektes auf die Homepage der Stadt Wiesbaden:

Forschungsprojekt zum Thema Migration und Integration

 Maike Wöhler im Interview mit einem griechischen Zeitzeugen. © wiesbaden.de / Foto: Maike Wöhler
Maike Wöhler im Interview mit einem griechischen Zeitzeugen. © wiesbaden.de / Foto: Maike Wöhler

 

Seit 2018 gibt es ein selbstorganisiertes Forschungsprojekt "Vom Weggehen und Ankommen" - Über die griechische Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert in Wiesbaden.
Ziel ist es, mit den Befragungen griechischer sogenannter "Gastarbeiterinnen" und Gastarbeiter" der ersten Stunde, den Auswertungen und Forschungsergebnissen mit Unterstützung der Stadt Wiesbaden entsprechende Beispiele "gelungener" Integrationen aufzuzeigen und auch Handlungsstrategien für die derzeitige und künftige Integrationsarbeit zu entwickeln.

Das Forschungsprojekt ist ehrenamtlich und eigenfinanziert organisiert.

 

Kreativer Austausch und Interaktionen mit anderen Interessierten

Ein kreativer Austausch und eine Vernetzung ist wichtig für das Projekt, um Interessierte und besonders auch Menschen mit Migrationshintergrund für künftige Kooperationen zu erreichen. Das Projekt ist offen für engagierte Menschen. Kontakt können Interessierte über den untenstehenden Link aufnehmen.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Projekt Migration und Integration: https://www.maike-woehler.de

 

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Homepage der Stadt Wiesbaden

https://www.wiesbaden.de/leben-in-wiesbaden/gesellschaft/migration-integration/content/forschungsprojekt-migration-integration.php